von John Horvat II
Es ist immer gut, hinzuhören,
wenn die Pro-Abtreibungs-Feminist/inn/en offen über den Zustand ihrer Bewegung
sprechen. Es offenbart die Schwäche der anderen Seite und hilft, die Illusion
von der Unbesiegbarkeit der Liberalen zu zerstreuen.
Ein kürzlich in der
britischen Tageszeitung The Guardian veröffentlichter Kommentar fungiert hier
als Augenöffner. Die
Verfasserin ist Jessa Crispin (Crispin, Jessa: Opinion Gender: The pro-choice
movement is in tatters. Planned parenthood is part of the problem, The
Guardian, 13. Juli 2020 [Meinung Gender: Die Freie-Wahl-Bewegung liegt
in Trümmern. Planned Parenthood ist Teil des Problems]).
Sie ist eine
US-Korrespondentin der Zeitung und ehemalige Mitarbeiterin von Planned
Parenthood [„Geplante Elternschaft“, entspricht der deutschen „pro familia“],
die rund fünf Jahre l
ang in einer texanischen Zweigstelle der Organisation
gearbeitet hat. Sie beklagt sich bitter darüber, dass die „Freie-Wahl-Bewegung
in Trümmern“ liege und Planned Parenthood „Teil des Problems“ sei.
Vieles von dem, was die
Verfasserin hier sagt, ist nicht neu. Die prekäre Situation der
Abtreibungsbewegung spiegelt sich in der wachsenden Zahl von Klinikschließungen
(1707 seit 1991) und in der ansteigenden Zahl von Bundesrichtern [der USA]
wider, die ihre Urteilssprüche durchsetzen. Die Reporterin zieht jedoch zwei
sehr wichtige Schlüsse, die alle Lebensrechtler kennen sollten.
Planned Parenthood =
Pro-Abtreibungs-Bewegung
Ihre erste Beobachtung ist,
dass die Pro-Abtreibungs-Bewegung in den USA fast untrennbar mit Planned
Parenthood verbunden ist. Jenseits des Schattens dieses riesigen,
„gemeinnützigen“, aber dennoch profitablen Giganten existiert kaum etwas. Nicht
nur führt Planned Parenthood landesweit die allermeisten Abtreibungen durch,
sondern ist auch zugleich der politische Meinungsführer, das wirtschaftliche
Kraftwerk und das Medienzentrum der Bewegung.
Die schlechte Nachricht dabei
ist, dass Planned Parenthood solide finanziert, stark vernetzt und fest
etabliert ist. Die gute Nachricht ist, dass Planned Parenthood der einzige
Player in den Städten ist. Wenn der Abtreibungsriese dem Untergang
entgegengeht, zerfällt auch die gesamte Abtreibungsbewegung. Der schlechte Ruf
der Organisation reißt alles mit sich in den Abgrund. Und da ist nichts, was
sie ersetzen könnte, es gibt keinen Plan B.
Die abtreibungsfreundliche
Guardian-Kolumnistin prangert Planned Parenthood als dekadent an. Sie behauptet,
die Organisation habe sich dem liberalen Establishment angeschlossen. Sie habe
die Leidenschaftlichkeit einer Bewegung verloren und dafür die
Selbstzufriedenheit einer milliardenschweren NGO erlangt. Jessa Crispin sagt,
Planned Parenthood sei damit beschäftigt, „intime Beziehungen mit den Mächtigen
zu pflegen, den Geschäftsführern der regionalen Filialen Gehälter im mittleren
sechsstelligen Bereich zu zahlen, rein symbolische Gesten zu machen und einen
griffigen Slogan für den Verkauf von T-Shirts zu entwickeln“. Dieser
kopflastige bürokratische Goliath sei auf das Sammeln von Spenden mittels
Promi-Galas spezialisiert, die seine Existenz und sein Komfort
aufrechterhalten.
Planned Parenthood verliert
den Bodenkrieg
Das Ergebnis von alldem ist,
dass Planned Parenthood den Bodenkrieg verliert.
Diese zweite Beobachtung ist
sehr aufschlussreich. Alle Kriege, auch Kulturkriege, brauchen Fußsoldaten. Die
Kolumnen-Schreiberin beklagt den mangelnden Zuspruch für die Bewegung auf
Basisebene. Während die Bonzen von Planned Parenthood mit Persönlichkeiten des
Establishments Duz-Umgang pflegen, beten die Lebensrechts-Aktivisten draußen,
vor den Abtreibungskliniken den Rosenkranz, bringen Gesetze auf den Weg,
bewirken, dass Kliniken schließen, und bilden große Netzwerke von
Basisaktivisten.
Das Versäumnis, sich vor Ort
lokal zu organisieren, bedeutet, dass der Zugang zur Abtreibung überall weiter
abnimmt. Der nationale Dachverband der Non-Profit-Organisation steht im
Rampenlicht, während die örtlichen Abtreibungsmühlen häufig unterfinanziert und
unterbesetzt sind. In einem Brief beispielsweise, den eine Belegschaft von
Planned Parenthood von Greater New York an den Vorstand der Organisation
sandte, wurde die Führung des „missbräuchlichen Verhaltens und finanzieller
Unregelmäßigkeiten“ sowie des „systemischen Rassismus“ bezichtigt. Die Kliniken
schließen fortgesetzt aufgrund von Missmanagement, Pro-Life-Aktivismus und
einer vergifteten Arbeitsatmosphäre.
Die Bewegung scheitert
vornehmlich, weil sie nicht mit dem Volk auf Tuchfühlung sein kann. Die
Kommentatorin beklagt, dass der Slogan „‘Mein Bauch – meine Wahl‘ anscheinend
das Beste ist, was sich unsere Pro-Choice-Führer noch einfallen lassen können,
um unsere Rechte zu schützen“. Solche markigen Sprüche seien nicht geeignet,
eine in sich stimmige und schlüssige Botschaft zu vermitteln, die „klar macht,
was hier auf dem Spiel steht“.
In weiten Landstrichen der
Vereinigten Staaten gibt es eben keine „Freie Wahl“
Für eine Bewegung, die sich
selbst Pro-Choice nennt, sind weite Landstriche der USA weiterhin ohne
Wahlfreiheit für die Abtreibung belassen – trotz des Roe-versus-Wade-Urteils
[des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten vom 22. Januar 1973],
beklagt Jessa Crispin bitter (während die Lebensrechtler frohlocken). Viele
potenzielle Opfer können sich die exorbitante Abtreibungsgebühr von 400 bis 600
US-Dollar von Planned Parenthood nicht leisten. Sechs Bundesstaaten haben nur
eine überlebende Abtreibungsklinik – eine Tatsache, die eine Abtreibung in den
entlegenen Gebieten praktisch verbietet.
„Da haben Sie keine Wahl,
wenn die nächste Klinik 400 Meilen entfernt liegt, Sie kein Auto besitzen und
[die amerikanische Bahngesellschaft] Amtrak das letzte Mal vor 80 Jahren eine
Haltestelle in Ihrer Stadt angefahren hat.“
Was die Sache für die andere
Seite noch schlimmer macht, ist dass die Feminist/inn/en der Generation Z [die
im digitalen Zeitalter von 1995 bis 2010 Geborenen] dem Bodenkampf vor Ort
gleichgültig gegenüberzustehen scheinen. Liberale Aktivist/inn/en dieser
Altersgruppe sehen das Thema „Abtreibung“ nicht als so vorrangig an und
engagieren sich [lieber] bei anderen sozialen oder ökologischen Problemen, die
als dringlicher erachtet werden.
Darüber hinaus ist es der
Pro-Life-Bewegung gelungen, [der Abtreibungslobby von] Planned Parenthood den
wohlverdienten schlechten Ruf zu verleihen.
Zwei Lektionen
Die Guardian-Kolumne
beinhaltet zwei Lektionen für die Lebensrechtler.
Die erste Lektion ist, dass
eine einzige monolithische Organisation mit einem riesigen Budget ihre
Nachteile hat. In der Tat leidet Planned Parenthood unter ihrer von oben nach
unten organisierten bürokratischen Struktur, die sich leicht festfährt und
schwerfällig wird. Ihre sozialistischen Einheitslösungen sind bedrückend und
brutal und die Gemeinnützigkeit lässt kaum Wettbewerb zu.
Diese Zwangslage von Planned
Parenthood unterscheidet sich so grundlegend von der erfrischenden Auswahl an
organisch gewachsenen Pro-Life-Organisationen, die zahlreich, beweglich und
anpassungsfähig sind. Wenn eine Pro-Life-Gruppe versagt, füllen [sofort] andere
die Lücke.
Die zweite Lektion ist, dass
Organisationsstrukturen allein nicht ausreichen, um sich durchzusetzen. Das
menschliche Element ist entscheidend für den Erfolg. Die Lebensrechtsbewegung
ist erfolgreich, weil sie das Thema „Abtreibung“ in eine moralische Debatte
verwandelt hat, die tief in den Herzen der Menschen Widerhall findet. Die
warmen moralischen Fragen schwingen mit, weil sie von transzendenten Werten und
letztlich von Gott sprechen.
Jessa Crispin hat recht: Die
Abtreibungsbewegung liegt heute „in Trümmern“. Dies liegt daran, dass Planned
Parenthood die moralische Dimension der Abtreibung nicht aus der Debatte
heraushalten konnte. Die Organisation leidet nun, weil sie selbst keine
moralische Botschaft hat. Sie kann sich nur in profanen Begriffen der
Beendigung des Lebens ausdrücken.
Im Moment hat die
Abtreibungsbewegung bzw. Planned Parenthood vielleicht noch die legale Macht,
um ihre Agenda mit Gewalt durchzuboxen, aber sie hat kein Herz. Sie kann die
moralische Schlacht nicht gewinnen, der jetzt die Debatte umrahmt und die
Aktionen so vieler Lebensrechtler inspiriert.
Quelle:
https://aktion-sos-leben.blogspot.com/2020/08/john-horvath-warum-eine-pro-abtreibungs.html